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Von Roland Böhm

Etwa jedes siebte Kind in Deutschland ist Expertendaten zufolge zu dick, sechs Prozent sind bereits krankhaft übergewichtig und damit auch mit einem erhöhten Diabetes-Risiko behaftet. Wer diesen Trend wirklich wirksam umkehren wolle, müsse sehr früh ansetzen, sagt der Kinder- und Jugendarzt sowie Universitätsprofessor Berthold Koletzko: „Die Weichen werden früh gestellt.“ Und zwar bereits im Mutterleib und während der Stillzeit. Übergewicht der werdenden Mutter erhöhe das Risiko für ein übergewichtiges – gar adipöses – Kind um das Zwei- bis Dreifache, so Koletzko.

Werdende Mütter können ihr Kind schon während der Schwangerschaft vor Übergewicht und Diabetes schützen, sind zahlreiche Wissenschaftler überzeugt. Bisher nur vermutet, gebe es inzwischen belastbare Erkenntnisse, die dies bestätigten, berichtete Koletzko kürzlich bei einer Tagung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Die Risiken einer Unterversorgung des Kindes wegen des Konsums von Nikotin sind bekannt. Doch: Wie wird das Baby Zucker verwerten? Wie Fette im Körper speichern? Ob Organe wie die Leber etwa ein Leben lang gut funktionieren, werde überraschend früh sozusagen programmiert – und könne durch die Ernährung der Mutter teils sogar schon bei der Ausbildung der Eizelle beeinflusst werden, so Koletzko.

Schleichen sich bei der Ernährung früh Fehler ein, könne das Kind Fehlfunktionen und chronische Krankheiten wie Diabetes oder Übergewicht entwickeln. Erst kürzlich hatte die Weltgesundheitsorganisation WHO bezüglich weltweit steigender Zahlen fettleibiger Kinder gewarnt und eine Verzehnfachung auf mehr als 120 Millionen innerhalb der vergangenen vier Jahrzehnte bilanziert. Weitere 213 Millionen Kinder und Jugendliche seien übergewichtig, hieß es. Auch die WHO forderte allgemein eine bessere Aufklärung in Sachen Ernährung.

Die Empfehlungen an die werdenden Mütter lauten nach derzeitigem Stand der Wissenschaft: das eigene Körpergewicht im Griff haben, möglichst viel Fisch essen und selbst stillen. „Das ist ohnehin der beste Schutz vor Krankheiten, Unterfunktionen oder Diabetes“, sagt Koletzko. Zudem sei es förderlich für die Gehirnentwicklung. „Perinatale Prägung“ nennen Wissenschaftler das, was da im Mutterleib und im ersten Jahr nach der Geburt passiert. 

"Natürlich muss die Mutter zunehmen, aber kalkuliert."

Jörg Dötsch Kinderarzt 

Pflanzliches wie Gemüse und Obst, Vollkorn, Fisch, Milch empfiehlt Maria Flothkötter vom Netzwerk „Gesund ins Leben“ im Bundeszentrum für Ernährung in Bonn werdenden Müttern für ihre gesunde Ernährung. „Nicht mehr, aber besser“ müsse sich manch Schwangere ernähren. Genauso wichtig sei die Bewegung: „Runter vom Sofa.“ Für die „besten Startchancen für lebenslange Gesundheit“ sei auch das entscheidend.

In der Schwangerschaft mengenmäßig für zwei zu essen, ist aus Sicht von Jörg Dötsch letztlich keine gute Lösung: „Natürlich muss die Mutter zunehmen, aber kalkuliert“, sagte der leitende Kinder- und Jugendarzt der Kölner Uni-Kinderklinik im Rahmen eines Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) in Köln. Zu viel zu essen sei ein Problem, bestätigt er, zu wenig aber auch. Vegan etwa, mahnt Dötsch, sollte sich die Mutter nur unter ärztlicher Kontrolle ernähren. Selbst die vegetarische Ernährung brauche aus seiner Sicht fachliche Begleitung: „Es ist nach wie vor schwer zu kalkulieren, wann das Kind welche Nährstoffe braucht.“

Zwar wolle man den Druck auf die werdenden Mütter nicht noch weiter erhöhen, sind sich Wissenschaftler einig. Jedoch gebe es wohl keine Zeit im Leben, in der man mit Ernährungstipps auf so offene Ohren stoße wie während der Schwangerschaft und im ersten Lebensjahr des Kindes, sagt Peter Grimm von der Sektion Baden-Württemberg der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Eltern seien danach nie wieder so bereit, etwas an ihren persönlichen Ernährungs- oder Lebensgewohnheiten zu ändern, wie in der Zeit der Schwangerschaft und danach.

Wenn das Kind erst in der Kindertagesstätte ist, sei es „zu spät“, betont Dötsch. Wer da schon zu dick sei, habe eine 80-prozentige Wahrscheinlichkeit, das auch sein Leben lang zu bleiben. Damit bleibt das erhöhte Diabetes-Risiko bestehen.

Mehr Jungen als Mädchen von Fettleibigkeit betroffen 

Für Deutschland registrierte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) 1975 noch einen Anteil fettleibiger Kinder von drei Prozent. Im vergangenen Jahr waren demnach aber bereits sieben Prozent der Mädchen und sogar elf Prozent der Jungen betroffen.

Kinder würden sich hierzulande im Mittel wieder etwas mehr bewegen als früher. Die Schere zwischen eher aktiven und mehr trägen Kindern öffne sich aber immer weiter.

Den höchsten Anteil von Fettleibigen fand die WHO unter jungen Menschen in der Südsee und in wohlhabenden angelsächsischen Ländern wie den USA.

In der Gesamtbevölkerung über alle Altersgruppen hinweg hat sich die Verbreitung von Übergewicht und Fettleibigkeit in den Jahren zwischen 1980 und 2014 nach Studien der WHO mehr als verdoppelt.
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