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Ratgeber
Von Jürgen Becker 

Taucha. Karsten Henze merkt sofort, wenn irgendwo in Mitteldeutschland eine Gewitterfront die Sonne verdeckt oder der Wind stark abflaut. Er spürt auch unmittelbar, wann die Menschen aufstehen, sich einen Kaffee kochen, das Licht oder ihre Fernseher anschalten oder wann in den Fabriken die Bänder hochfahren. Sein Arbeitsplatz ist die Schaltleitstelle des Netzbetreibers Mitnetz Strom. In einem unscheinbaren Gebäude wenige Kilometer nordöstlich von Leipzig entscheidet sich täglich, ob alles so funktioniert, wie es die Sachsen, Brandenburger, Thüringer und Sachsen-Anhalter für selbstverständlich halten.

Henze sitzt in einem schlichten Raum mit drei Schreibtischen, auf denen jeweils mehrere Monitore stehen. Davor hängt an der Wand ein riesiger Bildschirm mit einem Wirrwarr aus braunen, grünen, gelben und lilafarbenen Linien. Es sind die Leitungen, für die Mitnetz Strom verantwortlich ist. Deren Netz erstreckt sich über 28 000 Quadratkilometer und ist fast 74 000 Kilometer lang. Henze und seine 40 Kollegen steuern, regeln und überwachen es – und versorgen so 2,3 Millionen Einwohner. „Außerdem sorgen wir dafür, dass Stromerzeuger ins Netz einspeisen können“, sagt Henze. „Und das wird ständig komplexer.“

Denn immer mehr Energie fließt aus Windkraft oder Photovoltaik zu. Hatten 2005 noch 5000 Öko-Anlagen ihre Ausbeute bei Mitnetz eingespeist, waren es 2016 schon 40 000. Sie erzeugen elf Milliarden Kilowattstunden. Das reicht, um den Jahresstromverbrauch von vier Millionen Haushalten zu decken. Dabei funktioniert das Netz wie eine Badewanne – nur dass es nicht einen, sondern Tausende Wasserhähne gibt. Die drehen sich auch noch selbst auf und zu. Mal tröpfelt es, mal sprudelt es, mal flutet es aus allen Rohren. „Unser Netz muss alles auffangen – und darf dabei aber nicht überlaufen“, erklärt Gruppenleiter Frank Beyer. „Und umgekehrt darf unten aber auch nicht zu viel abfließen, wenn oben nichts nachkommt.“

Die Leitstelle muss die Spannung im Netz stabil halten – und dadurch verhindern, dass der Strom ausfällt. Einen solchen Blackout gab es im Netz von Mitnetz noch nie. Doch Henze und seine Kollegen müssen häufig eingreifen, damit das auch so bleibt. 224-mal geschah das im vergangenen Jahr. Meist gab es Engpässe im eigenen Netz, weil gerade die Sonne zu sehr brannte und gleichzeitig der Wind zu stark blies. Jedes achte Mal kam die Aufforderung zum Drosseln vom Übertragungsnetzbetreiber 50 Hertz.

Der muss den Strom quer durch Deutschland bringen. Denn erzeugt wird der Strom zunehmend dort, wo er gar nicht gebraucht wird. Während im Norden und Osten riesige Windparks entstanden sind, gehen im energiehungrigen Süden nun schrittweise die Atomkraftwerke vom Netz. Für den Transport derartiger Strommengen ist das Netz von 50 Hertz nicht ausgelegt – noch nicht. Dafür ist der Bau einer neuen Starkstromtrasse notwendig. Dieser sogenannte „Süd-Ost-Link“ könnte frühestens 2025 bis zu zwei Gigawatt Windenergie transportieren.

Bis dahin verstopft der Öko-Strom weiterhin die Leitungen. In der Praxis bedeutet das: Die Gesetze der Marktwirtschaft werden ausgehebelt. Denn wenn sich die Windräder auf Hochtouren drehen und die Sonne auf die Photovoltaik-Module brennt, drückt das den Strompreis an der Börse. Viele Kohle- und Gaskraftwerke wären dann eigentlich unrentabel. Weil ein Großteil des erzeugten Öko-Stroms aber gar nicht abtransportiert werden kann, müssen die Netzbetreiber trotz der Stromtiefpreise herkömmliche Kraftwerke im Süden anfahren lassen. Das ist eine teure Sache. Zugleich müssen Kraftwerke und Windparks im Norden und Osten gedrosselt werden, damit das Netz nicht kollabiert.

Die Anlagenbetreiber erhalten dafür eine Entschädigung. Diese Eingriffe und den Netzausbau müssen die Stromkunden bezahlen. Die sogenannten Netzentgelte machen in Ostdeutschland schon etwa ein Drittel des Strompreises aus.

Wärter der Windkraft

Andreas Poppe ist Chef der Magdeburger Geo-Metrik. FOTO: DPA
Andreas Poppe ist Chef der Magdeburger Geo-Metrik. FOTO: DPA
Rund 2800 Windkraftanlagen sind in Sachsen-Anhalt in Betrieb. Und die müssen auch gewartet werden, meistens im Rhythmus von ein bis zwei Jahren. Die Besteigung der bis zu 180 Meter hohen Windräder ist mit hohen Kosten und einigen Gefahren verbunden. Vermessungsingenieur Andreas Poppe und sein fünfzehnköpfiges Team der Magdeburger Ingenieursgesellschaft „Geo-Metrik“ wollen alles etwas einfacher machen. Sie arbeiten daran, Drohnen für diese Zwecke zu optimieren. „Mit Flugzeugen vermessen wir schon lange größere Gelände, durch die kleineren Drohnen und die gute Kameratechnik ist das nun auch für kleine Objekte möglich“, sagt Poppe. Ersetzen sollen die Drohnen die Industriekletterer nicht, „das ist mehr eine Art Vorab-Inspektion“, so der 52-Jährige. Geo-Metrik bereitet die von der Drohne gelieferten Daten digital auf und gibt den Windanlagen-Betreibern eine Rückmeldung über deren Zustand. Diana Serbe

Stehen ist gesünder

Umsatzbringer für Reiss Büromöbel in Bad Liebenwerda ist der Steh-Sitz-Schreibtisch

Die Reiss Büromöbel GmbH in Bad Liebenwerda will in eine neue Fertigungsstätte investieren. FOTO: LR/ANDRE FORNER
Die Reiss Büromöbel GmbH in Bad Liebenwerda will in eine neue Fertigungsstätte investieren. FOTO: LR/ANDRE FORNER
Von Frank Claus

Bad Liebenwerda. Sage keiner, es habe zu DDR-Zeiten kein Produktmarketing und keine Imagewerbung gegeben. Wer sich den damaligen Werbefilm des Unternehmens Reiss in Bad Liebenwerda (Elbe-Elster) ansieht, erfährt, dass die Tupolew Tu-144 – das erste Überschallverkehrsflugzeug der Welt – nie geflogen wäre, hätte es die Reiss-Zeichenbretter nicht gegeben, auf denen es konstruiert wurde.

135 Jahre alt ist die Reiss Büromöbel GmbH. Immer hat sie sich an ihre Wurzeln erinnert. Seit diesem Jahr geschieht das auf besondere Weise: Eine historische Ausstellung zur Industriegeschichte ist im Obergeschoss des heutigen Reiss-Firmentrakts eröffnet worden. Die Exposition reicht von Vermessungsinstrumenten, Lichtpausgeräten bis hin zum Rechenschieber.
Heute hat sich das Portfolio grundlegend gewandelt: Die Firma entwickelt und produziert modernste Büromöbelsysteme. Im vergangenen Jahr haben die etwa 160 Mitarbeiter einen Rekordumsatz von fast 40 Millionen Euro hingelegt, das waren sieben Millionen Euro mehr als im Jahr zuvor. Und die positive Entwicklung hält an, bestätigen die Geschäftsführer Gerd Widule und Hans-Ulrich Weishaupt.

Absoluter Umsatzbringer ist der Steh-Sitz-Schreibtisch, eine Erfindung von Reiss, die bis ins Jahr 1910 zurückreicht. Der neue Steh-Sitz-Tisch hat die Fachwelt aufhorchen lassen. Er verfügt über ein Programm, das den Nutzer per LED-Anzeige daran erinnert, dass er von der Sitz- wieder einmal in die gesunde Stehposition gehen sollte. Neu ist auch eine Ausstattungslinie mit antibakteriell wirksamen Oberflächen – etwa für Pflege- und Gesundheitseinrichtungen oder Labore.

Das Unternehmen platzt aus allen Nähten. Bis spätestens 2022 sollen am neuen Standort im Gewerbegebiet Lausitz zunächst sechs bis acht Millionen Euro in eine neue Fertigungsstätte investieren werden.

enviaM-Gruppe
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